Bewusstlos

Er kam im Sommer.
Aber er war kein Mensch,
er war ein Ungeheuer

Bewusstlos

Bewusstlos

Als Raffael eines Morgens erwacht, sind sein Bett und seine Sachen voller Blut. Augenblicklich gerät er in Panik. Er selbst ist unverletzt, wie er schnell feststellt. Aber woher stammt das Blut? Was ist in der letzten Nach passiert? Raffael fehlt jegliche Erinnerung. Wenn er getrunken hat, weiß er nicht mehr, was er tut. Mordet er vielleicht sogar, ohne es zu wissen?

Sein Leben gerät zunehmend aus den Fugen. Er verliert seinen Job, ist unberechenbar aggressiv und trinkt bis zur Bewusstlosigkeit. Für seine Umwelt wir er immer gefährlicher.

Als es in Berlin zur Katastrophe kommt, flüchtet Raffael nach Italien. In der Toskana leben seine Eltern, zu denen er seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hat. Nach einem schrecklichen Erlebnis in seiner Kindheit hatte er sich ganz von ihnen abgekapselt. Doch während sein eigenes Leben von da an auf den Abgrund zusteuerte, haben die Eltern sich ein neues Glück aufgebaut – das er ihnen zutiefst missgönnt. Mit wachsender Wut beobachtet er sie. Noch fühlen sie sich sicher, denn sie ahnen nicht, dass der vergessene Sohn bereits dabei ist, alles zu zerstören.

Die Thiesler ist Deutschlands ungekrönte Thriller-Queen.  MDR

Bewusstlos ist auch in diesen Ausgaben erschienen:

Bewusstlos

Ausschnitt aus dem Interview zum Buch

Der Held Ihres neuen Romans, Raffael, ist eigentlich ein netter Kerl, der aber durch ein schreckliches Ereignis schwer traumatisiert und darüber zum Unmenschen wurde. Was hat Sie zu dieser Figur inspiriert?

Nein, Raffael wurde nicht auf Grund des traumatischen Erlebnisses in seiner Kindheit zum Unmenschen, sondern durch die Unfähigkeit seiner Umwelt, damit umzugehen. Schule und Eltern haben schwer versagt und konnten dem kleinen Jungen nicht helfen. Dadurch bekam er sein eigenes Leben nicht mehr in den Griff, vereinsamte, verwahrloste und verfiel dem Alkohol. Und diese Sucht hat ihn nicht nur aggressiv, sondern zum Unmenschen werden lassen. Er trinkt unmäßig – bis zur Bewusstlosigkeit – und weiß nicht mehr, was er in diesem „bewusstlosen“ Zustand tut. Er ist ein Monster, das von Filmriss zu Filmriss lebt, ein Mörder ohne Erinnerung und ohne Gewissen.

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Wie haben Sie die Geschichte erarbeitet? Und wussten Sie von Anfang an, wie sie enden würde?

Wie bei allen meinen Roman steht am Anfang eine winzige Idee, ein Bild oder eine mögliche Figur. Mehr nicht.

Die Idee war jede Mal mehr als vage, aber sie saß mir immer wie ein Stachel im Fleisch, so dass ich mir vorstellen konnte, mich damit anderthalb Jahre täglich rund um die Uhr zu beschäftigen.

Und in diesem gedanklich unausgegorenen Zustand beginne ich zu schreiben. Die Geschichte wächst und verändert sich. Tag für Tag. Sie wird größer und komplexer, immer mehr Figuren kommen hinzu, und es ist faszinierend für mich, sie kennenzulernen und zu beobachten, wie sich durch sie die Geschichte verändert. Ich kürze, werfe weg und beginne immer und immer wieder von vorne. Und dringe immer tiefer in die Geschichte ein, Details kommen hinzu und Wendungen, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Atemlos beobachte ich, was passiert, und irgendwann kommt der schönste Moment beim Schreiben eines Romans: Die Story entwickelt eine Eigendynamik, sie fliest mir aus der Feder.

Manchmal kenne ich selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Schluss des Romans, ich habe jede Menge damit zu tun, die Fäden in der Hand zu behalten, damit mir der rote Faden des Romans nicht entgleitet, und irgendwann entwickelt sich das Finale. Beinah zwangsläufig.

Bei „Bewusstlos“ hatte ich davon allerdings schon eine leise Ahnung, das heißt, ich wollte es unbedingt so haben, wie es ist, aber ich kannte nicht den Weg, der dahin führt.

Wichtig wäre allerdings noch hinzuzufügen: Ich habe niemals auch nur irgendeinen Anhaltspunkt aus der Realität vor Augen: Keine Geschichte aus dem wahren Leben und keine real existierende Person. Zumindest für mich und in meinen Augen erschaffe ich Welten und Charaktere, die es noch nie gegeben hat.

Was war beim Schreiben des Romans für Sie das Faszinierendste?

Wie ich eben schon sagte: Der Moment, wenn die Geschichte zu leben beginnt, eine Eigendynamik entsteht und sie sich selbständig weiter entwickelt. Und der Moment, wenn ich meine Figuren besser verstehe, als meine allerbesten Freunde. Wenn ich ihre Geheimnisse und Abgründe kenne. Ich weiß Dinge, die jeder Mensch vor dem andern verbirgt, aber ich schaue meinen Figuren tief in die Seele. Dann gehören sie zu mir und zu meinem Alltag. Sie zu kennen bereichert mich, und mit jedem Roman lerne ich mehr faszinierende und außergewöhnliche Menschen kennen.

Wie schon in Ihren früheren Romanen fällt auch hier auf, dass die Polizei entweder hilflos oder inkompetent reagiert. Wie kommt das?

Das hat zwei Gründe.

Erstens: Die Ermittlungsarbeit der Polizei langweilt mich, und ich habe mich bewusst dazu entschieden, keine Ermittlungskrimis zu schreiben. Es ist so banal und läuft immer nach demselben Schema ab. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Eine Frau liegt ermordet im Wald. Die Spurensicherung untersucht Leiche und Umfeld, der Pathologe ermittelt Todesursache und –zeitpunkt, die Kripo nimmt ihre Arbeit auf. Jede Menge richtige und falsche Spuren werden aufgetan, Unschuldige werden verdächtigt und Verdächtige werden als unschuldig befunden. Bis schließlich die Familie des Kommissars oder eine andere mühsam etablierte Sympathiefigur in Gefahr gerät und bei einem actionreichen Finale – meist auf einem verlassenen Industriegelände – gerettet und der wahre Täter überführt wird.

Wie öde ist das denn? So etwas muss man fürs Fernsehen konstruieren, das möchte ich nicht mehr.

Bei mir kennt man in der Regel den Mörder von Anfang an, und ich sehe ihm in den Kopf. Ich verrate dem Leser seine geheimsten Gedanken und Gefühle, ich zeige wie er tickt und worunter er leidet. Und wenn der Leser ihn (und event. sein Beuteschema) ganz genau kennt und den Täter in seinem Alltag begleitet, dann entsteht Angst. Angst um die Personen, die mit ihm in Kontakt kommen, oder die in sein Beuteschema passen könnten.

Der Leser entwickelt gleichermaßen Sympathie und Abscheu dem Täter gegenüber. Das sind die stärksten und widersprüchlichsten Gefühle, die man überhaupt erzeugen kann. Und dadurch ist die Phantasie des Lesers meist größer, wilder und furchtbarer als das, was der Täter letztendlich wirklich tut.

Meine Romane leben dadurch, dass sie sich im Kopf des Lesers potenzieren und überschlagen.

Das macht sie so anders. Und so spannend.

Der zweite Grund für das schlechte Abschneiden der Polizei ist: Das ist leider auch Realität. Lassen wir uns nicht von den tausenden von Fernsehkrimis blenden, in denen regelmäßig nach 90 Minuten der Täter geschnappt wird. Das ist Fiktion. Das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Nur bei XY-ungelöst erahnen wir eine klein wenig von der Hilflosigkeit der Polizei.

Selbst im Zeitalter der DNA haben Mörder auch heutzutage noch gute Chancen, ungeschoren davon zu kommen. Weil ein Täter, der sich ein zufälliges Opfer schnappt, zu dem er keine Verbindung hat, einfach nicht zu fassen und zu ermitteln ist – und: Weil die Polizei (man möge mir dies verzeihen) zu wenig kriminelle Phantasie hat. Diese Beamten sind oft nicht in der Lage, sich in die Psyche eines Mörders zu versetzen und vorauszuahnen, was er als nächstes tun wird. Sie können Zeugen befragen, telefonieren und Formulare ausfüllen – und dann ist Schluss.

Das hilflose Schließen von Mordermittlungsakten kommt leider vor. Und darum schreibe ich auch davon. Die rosarote Brille bekommen wir ja schon täglich im Fernsehen aufgesetzt.

Worin unterscheidet sich „Bewusstlos“ von Ihren anderen Romanen?

Tja – ich weiß nicht. Vielleicht ist er zwingender, persönlicher, so beängstigend nah dran am Leser und an der Realität, so dass man sich nicht mehr entziehen kann. Er berührt und bringt einen zum Weinen, und das Schlimme ist vielleicht, dass man nicht sagen kann: Das geschieht ja Gottseidank weit weg, das kann mir nicht passieren …

Einer verlorenen Seele kann man nicht helfen. Das ist ganz schwer mitanzusehen und zu akzeptieren.

Alle Ihre Romane spielen in Berlin und der Toskana. Was fasziniert Sie an diesen Orten?

Ich lasse meine Geschichten gern an den Orten spielen, die ich besonders gut kenne. Wo ich in Gedanken spazieren gehen kann, wo ich Straßen, Plätze, Wege, Wälder vor mir sehe, wo ich in der Phantasie Geräusche höre und weiß, wie es dort riecht. An allen Orten, die in meinen Romanen vorkommen, und das geht über Berlin und die Toskana noch hinaus, habe ich gelebt. Die Erinnerungen haben sich in mein Hirn eingebrannt.

Dazu kommt, dass mich die Toskana als Schauplatz für Verbrechen ungemein inspiriert. Es reizt mich, inmitten der sanften Hügel, wo Wein und Oliven gedeihen, und wo Rosmarin, Lavendel und Oleander blühen, etwas Schreckliches geschehen zu lassen. Und nicht in einem düsteren Parkhaus in Wanne-Eickel, wo man ohnehin das Böse und den Schrecken vermutet.

Meine Geschichten spielen dort, wo die Menschen gerne Urlaub machen, und ich zeige, dass es auch in der lieblichen, sommerlichen Toskana sehr sehr kalt sein kann.

Dazu kommt, dass man nirgends so wunderbar einsam wohnen kann, wie in der Toskana. Während in Deutschland absolute Einzellagen eher selten sind und man meist einem Ort angeschlossen ist, gibt es in der Toskana überall, auf den Bergen und in den Tälern, absolut einsame Häuser, umgeben von zig Hektar Grund und kilometerweit von nächsten Anwesen entfernt.

Da kann viel geschehen, und das ist eine wunderbare Basis für meine Geschichten und beflügelt meine Phantasie …

Sie selbst wohnen seit 12 Jahren auf einem abgelegenen Berg in der Toskana. Nun haben Sie in Ihren Romanen schon viele Mörder dort Ihr Unwesen treiben lassen. Fühlen Sie sich auch manchmal ein wenig schutzlos?

Nein. Eigentlich nicht. Ich glaube, ich fühle mich hier sicherer als in Deutschland. Das liegt zum einen daran, dass ich ein eingezäuntes Grundstück und durchtrainierte Rottweiler habe, die jeder Zeit zwischen Gut und Böse unterscheiden können und vor denen die Italiener sehr viel Respekt haben, und zum anderen daran, dass in Italien nachts niemand mehr im Wald unterwegs ist. Da fürchten sich selbst die Diebe, Räuber, Wilderer und Mörder. Und wir wohnen so einsam – bis er uns erreicht, ist der „Mörder an sich“ längst vor Angst gestorben.

Raffael ließ das Fernglas sinken.
Sie hatten eine Tochter.
Eine neue Tochter.
Sie hatten es gewagt und einfach ein neues Kind gemacht.
Sie waren Verräter. aus: Bewusstlos