Der Menschenräuber

Wehe, wenn wir uns wiedersehen

Der
Menschenräuber

Der Menschenräuber

Die junge, hochbegabte Kunststudentin Giselle wird am helllichten Tag von einem betrunkenen Autofahrer an einer Ampel überfahren und tödlich verletzt. Ihr Vater Jonathan, ein erfolgreicher Fotograf und Medienmanager, kommt über ihren Tod nicht hinweg und rutscht ab in Alkoholismus, Depression und Verwahrlosung. Wegen seines Unvermögens zu trauern zerbricht auch seine Ehe.

In einer Novembernacht fährt Jonathan einfach los. Ohne Ziel, ohne Geld und ohne Hoffnung. Er strandet in der heruntergekommenen Ferienwohnung einer Bauernfamilie in der Toskana. Als Jonathan aber deren blinde Tochter Sofia kennenlernt, ist er bis ins Mark schockiert: Auf geradezu unheimliche Art gleicht sie seiner toten Tochter. Jonathan bleibt in Italien, findet neuen Lebensmut und heiratet Sofia. Aus dem abgewirtschafteten Gehöft machen die beiden ein luxuriöses Feriendomizil.

Doch eines Tages verbringen Gäste aus Deutschland dort ihren Urlaub, und als Jonathan erkennt, wer sich da eingemietet hat, erwachen erneut sein Hass und seine Rachegefühle. Er übt tödliche Vergeltung, aber das ist noch nicht genug …

Sabine Thiesler blickt tief in die Abgründe der menschlichen Psyche.  Hörzu

Der Menschenräuber ist auch in diesen Ausgaben erschienen:

Der Menschenräuber Der Menschenräuber Der Menschenräuber Der Menschenräuber Der Menschenräuber Der Menschenräuber

Ausschnitt aus dem Interview zum Buch

In Ihren Büchern geht es fast immer um Menschen in Extremsituationen. Waren Sie schon einmal in einer solchen?

Nein, so drastisch nicht. Gottseidank. Aber mich interessieren Menschen in ausweglosen, extremen Situationen. Wie reagieren sie? Der eine wird depressiv, kapselt sich ab, der andere überschreitet alle Grenzen und wird zum Mörder, weil er mit seiner Trauer oder seiner Verletzung nicht klarkommt. Oder der Mensch wird wahnsinnig, verliert jeden Bezug zur Realität. Das alles gehört zu unserem Leben dazu und ist Grundlage aller Katastrophen. Manchmal genügt ein geringer, banaler Anlass, und eine ganze Familie kollabiert. Und Menschen werden kriminell, die bis zu diesem Zeitpunkt ganz normale, unbescholtene Bürger waren. Und das, unter anderem, sind die Stoffe, aus denen meine Geschichten sind.

📖 Weiter zum vollständigen Interview

Ihr Metier ist der Psychothriller. Was macht dieses Genre für Sie so interessant?

Das liegt einfach daran, dass es für mich nichts Spannenderes gibt, als die menschliche Psyche. Es ist meine Welt und vielleicht auch mein Talent, mich in andere hineinzuversetzen, ganz gleich was ihnen passiert. Ich kann mir für jeden Charakter Situationen vorstellen, in die er gerät, und ich weiß, wie er fühlt, auch wenn er vielleicht ganz anders reagiert, als wir es erwarten. In der menschlichen Psyche gibt es ungeahnte Abgründe, und es ist faszinierend, dort einzutauchen.

Zum anderen beschäftige ich mich gern mit Psychothrillern, weil mich Ermittlungskrimis nicht interessieren. Es reizt mich nicht, Fälle langsam aufzuklären, ich möchte miterleben, wie der Mörder tickt, möchte ihm in den Kopf gucken. Das halte ich für wesentlich spannender.

Einmal Psychothriller, immer Psychothriller?

Nein, durchaus nicht. Ich habe in meinem Leben auch jede Menge Komödien fürs Fernsehen und fürs Theater geschrieben, und das kann auch jetzt jederzeit wieder passieren. Allerdings ist es im Moment so, dass ich – egal mit welcher Idee oder Geschichte ich beginne – letztendlich doch immer wieder bei Mord- und Totschlag ende. Und dann soll das wohl so sein. Sicher noch für eine Weile.

„Der Kindersammler“ war Ihr erster Bestseller. „Der Menschenräuber“ ist Buch Nummer 4. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Ideen begegnen mir. Sie liegen quasi auf der Straße, wie man so schön sagt. Ich habe einen winzigen Anlass, ein Geschehen, eine Situation oder eine interessante Figur. Und dann merke ich, dass mich diese Kleinigkeit, dieser flüchtige Gedanke einfach nicht mehr loslässt. Irgendwann kann ich an nichts anderes mehr denken, und wenn ich das Gefühl habe, dass mir viel dazu einfällt, dass ich mich auch ein ganzes Jahr lang mit diesem Thema beschäftigen möchte und ein dickes Buch aus dieser Idee erwachsen könnte – dann fange ich an zu schreiben.

Wie ist der Ablauf von der Idee zum fertigen Buch – haben Sie die Handlung bereits grob im Kopf, oder entwickeln Sie Charaktere beim Schreiben ein Eigenleben?

Ich schreibe ins Nichts. Lasse mich treiben. Außer meiner Idee weiß ich nichts. Und alle Charaktere begegnen mir im Lauf der Zeit, werden immer komplexer, entwickeln irgendwann ein Eigenleben. Ganz allmählich entsteht daraus die Geschichte, weil jeder Charakter anders reagiert … Und das ist das Schönste, was es gibt. Wenn man nicht mehr am Computer sitzt und konstruiert, sondern wenn es einfach „läuft“. So mühsam und quälend der Prozess des Schreibens auch ist und man immer wieder den Mut verliert … – plötzlich ergibt sich eine Leichtigkeit, und das ist für mich jedes Mal wieder wie ein Wunder.

Wie sieht Ihr Alltag am Schreibtisch aus – sind Sie sehr diszipliniert?

Ich bin eine sehr Fleißige, habe keine Probleme, gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen und mich zum Arbeiten zu zwingen, denn wenn ich schreibe, bin ich glücklich, wenn ich am Computer sitze, habe ich keinen Stress. Aber das Leben ist leider so, dass man nicht immer genügend Zeit hat, sich zu absentieren. Darunter leide ich. Ich würde viel lieber doppelt so viele Bücher schreiben, wenn ich nur könnte, wenn ich im Alltag nur die Zeit fände.

Schreiben ist für mich eine Sucht, der ich mich viel lieber, viel öfter und viel länger hingeben würde.

Was macht Sabine Thiesler, wenn sie nicht mordet?

Ich lese, lese, lese. Bücher sind meine Leidenschaft, ich kaufe sie wie eine Bekloppte, mehr, als ich jemals lesen kann. Aber sie machen mich glücklich, beruhigen mich, denn ich habe das Gefühl, mit einem Buch in der Hand kann mir nichts passieren. Darum gehe ich auch nie ohne ein Buch aus dem Haus. Eine entsetzliche Vorstellung, irgendwo warten zu müssen und nichts zum Lesen dabei zu haben.

Ansonsten gehe ich mit meinen Hunden spazieren, schwimme, oder fahre übers Meer … (wenn Sommer ist).

Was kommt nach dem „Menschenräuber“?

Wieder ein Triebtäter. Wie der „Kindersammler“. Ein Massenmörder, den wir irgendwie mögen, dem wir in den Kopf gucken und gleichzeitig Angst haben um jeden, der ihm begegnet und in sein Opferschema passt. Es wird psychologisch hochinteressant – soviel kann ich versprechen.

Als er nur fünfzehn Minuten später die Klinik durch einen Notausgang verließ, trug er ein Neugeborenes hinaus in die Kälte und die wenigen Meter bis zu seinem Auto, legte es in die Tragetasche auf dem Beifahrersitz und fuhr davon.

Er war so glücklich wie seit Jahren nicht mehr. Hatte keinerlei Schuldbewusstsein. Denn er hatte das Kind nicht entführt, sondern zu sich geholt. Und das war – verdammt nochmal – sein gutes Recht.

aus: Der Menschenräuber